Ein Interview in Text und Bild mit Gerda Klostermann-Mace

Die Sprungsaison 2015 ist auch für unsere Klassiker beendet. Unser Sportwart Thomas Rohde-Seelbinder befragt Gerda Klostermann-Mace, für den FSC Remscheid zu ihren sportlichen Ereignissen in diesem Jahr und den Aussichten für das Jahr 2016

FSC Remscheid:
Gerda, was waren Deine persönlichen Höhepunkte in der Saison 2015?
Gerda Klostermann-Mace:

Exit von Gerda auf der ParaSki-WM 2015 in U-gau
Exit von Gerda auf der ParaSki-WM 2015 in U-gau

Nun, diese Saison bot gleich zu Beginn im Februar einen für mich unerwarteten Höhepunkt mit der Teilnahme an der WM im Para-Ski im Oberbayerischen Unterammergau, zu der meine Tochter und ich dringend gebeten wurden (lacht). Es hatten nämlich nur 3 Damenmannschaften (Schweiz, Österreich und Russland) gemeldet, zur Vergabe eines Titels sind aber mindestens 4 teilnehmende Mannschaften erforderlich. Deutschland war in diesem Jahr Ausrichter und so baten uns der Organisator und der Deutsche Dachverband das vierte Team zu stellen, um auch bei den Damen Titel vergeben zu können.
FSC Remscheid:
Was ist ParaSki?
Gerda Klostermann-Mace:

Gerda Klostermann-Mace kuz vor der Marke auf dem Zielpunkt, ParaSki 2015
Gerda Klostermann-Mace kuz vor der Marke auf dem Zielpunkt, ParaSki 2015

Die Disziplin ParaSki setzt sich aus den zwei Einzelsportarten Riesenslalom (Ski) und Zielspringen (Fallschirm) zusammen. Für jede Sekunde, die man hinter dem Erstplatzierten aus den zwei Ski-Rennläufen liegt, bekommt man 3 cm aufs Zielsprungkonto „gutgeschrieben“.  Der- oder diejenige, die nach den 5 Zielsprüngen die geringste Zielabweichung auf dem Konto hat, ist der/die SiegerIn. Dazu muss man sagen, dass das Zielspringen in den Bergen sich fliegerisch deutlich von den Sommerbewerben unterscheidet, zumal die Zielmatte lt. Reglement immer mindestens 25 Grad talwärts geneigt sein muss und man meistens nicht, wie bei den Sommerwettbewerben, genau gegen den Wind anfliegen kann. ParaSki stellt andere physische wie auch fliegerische Anforderungen an die Athleten. Das macht den besonderen Reiz aus.
FSC Remscheid:
Wie ging die Saison für dich weiter?
Gerda Klostermann-Mace:
Weiter ging es mit der zweiten Etappe des World Cup im Speedskydiving in Leutkirch, den Moritz Friess mit viel Liebe zum Detail und in Zusammenarbeit mit Skydive Nuggets hervorragend organisiert hat. Die Teilnehmerzahl ist seit Jahren mit großem Abstand die höchste unter allen internationalen Speedbewerben, das allein spricht schon Bände. In diesem Jahr wurde dieser Bewerb zu Ehren meines in 2014 an Krebs verstorbenen Mannes Tim-Mace-Memorial Cup genannt. Das hat mich tief berührt. Gleichzeitig haben mich die freundlich entspannte Atmosphäre und die vielen bekannten Gesichter getragen und aufgefangen.
Ein Indiz für die außergewöhnlich gute Stimmung, die Moritz durch seine minuziöse Vorbereitung sowie gut durchdachte Organisation und sicher auch durch seine Persönlichkeit zu schaffen vermag, ist die Tatsache, dass bei dieser Etappe des World Cups regelmäßig neue (Welt-und National-)Rekorde und persönliche Bestzeiten aufgestellt werden. Ich hoffe, dass Moritz auch weiterhin das Zepter in seinen Händen behält und die herausragende Stellung der deutschen Etappe im Speed World Cup sichert.
FSC Remscheid:
Du sprachst eben vom Zielspringen und Sommerbewerben. Wie läuft so ein Wettbewerb ab?
Gerda Klostermann-Mace:

Das setzen der Zielmarkierung ist eine filigrane Angelegenheit. Dafür werden sogar die Hacken der Zielsprungschuhe angespitzt!
Das setzen der Zielmarkierung ist eine filigrane Angelegenheit. Dafür werden sogar die Hacken der Zielsprungschuhe angespitzt!

Das Zielspringen ist die älteste aller Fallschirmsportdisziplinen und neben dem Figurenspringen Teil der sog. Klassischen Disziplinen. Man springt aus gut 1000m, öffnet nach kurzem Freifall den Fallschirm und nähert sich gegen den Wind dem Ziel. Das Ziel ist eine elektronische Zielscheibe, deren Zentrum von 2cm Durchmesser es  zu treffen gilt, in der Regel mit der Ferse.  Jede Abweichung von der „Null“ wird in Zentimetern gemessen und von Sprung zu Sprung aufaddiert. Der oder die SpringerIn mit der geringsten Gesamtabweichung nach in der Regel 8 Sprüngen hat gewonnen.
Auch im Zielspringen ermitteln wir beim jährlichen Ziel-Welt-Cup mit 6 Etappen die Besten. Die Stationen sind Rijeka (Kroatien), Lesce (Slovenien), Peiting (Deutschland), Belluno (Italien), Thalgau (Österreich) und Locarno (Schweiz). Das Teilnehmerfeld umfasst etwa 40 Teams á 5 Springer aus bis zu 18 Nationen. In diesem Jahr fand gleichzeitig mit der Peitinger Etappe die Deutsche Meisterschaft statt. Locarno bietet neben einer wunderbaren landschaftlichen Kulisse auch noch das Schmankerl von 2 Nachtzielsprüngen, von denen wegen widrigen Wetters in diesem Jahr leider nur einer zur Durchführung kam.
FSC Remscheid:
Nachtzielsprünge?
Gerda Klostermann-Mace:
Ja. Springen bei Dunkelheit, d.h. mindestens eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. In diesem Jahr war der Himmel bedeckt, so dass man nicht einmal die Sterne sah. Nur Schwarz und ein paar kleine schwache Lichter am Boden.
FSC Remscheid:
Ist das nicht gefährlich?
Gerda Klostermann-Mace:

Gerda beim Nacht-Zielsprung Locarno2000
Gerda beim Nacht-Zielsprung Locarno2000

Nein. Ein Nachtsprung erfordert ein exaktes Briefing, Absprachen, an die sich die Teammitglieder unbedingt halten müssen. Unseren Augen fehlen bei einem Nachtsprung fast alle Referenzen, die einem bei Tageslicht zur Verfügung stehen. Man hat eigentlich nur den eigenen Höhenmesser und den kleinen beleuchteten Zielkreis, sonst nur Dunkelheit. Die Teamkameraden muss man aktiv suchen und sie im dunklen, dreidimensionalen Raum auszumachen ist deutlich schwieriger als am Tage. Alles zusammen ergibt das eine – sagen wir mal – mentale Hemmung, die es zu überwinden gilt. Das kostet alle Springer viel Konzentration, weshalb die Ergebnisse beim Nachtspringen längst nicht die Qualität aufweisen, wie am Tage. Drum war ich mit meinen 4 cm aus dem Nachtsprung recht zufrieden, lag mit 3 weiteren Mitstreitern ex aequo auf dem 13. von 83 Plätzen recht weit vorn.
FSC Remscheid:
Glückwunsch, Gerda! Nach Locarno, der dein letzter Bewerb war in diesem Jahr, was ist dein Résumé der Sprungsaison 2015?
Gerda Klostermann-Mace:

Auf dem Siegespodest: Gerda links mit weißer Weste
Auf dem Siegespodest: Gerda links mit weißer Weste

Diese Saison war eine recht turbulente, mental wie auch von den springerischen Anforderungen. Zwei der Welt Cup Etappen im Zielspringen konnte ich aus privaten Gründen nicht bedienen, daher fehlten mir wichtige Weltcup-Punkte. Dennoch liege ich mit dem 24. Platz von 46 international im guten Mittelfeld. Auf der Deutschen Meisterschaft in Peiting erreichte ich den zweiten Platz, was mich sehr freut, als ich zwei der drei teilnehmenden Profi-Damen hinter mir lassen konnte. Meine Defizite kenne ich genau, an denen werde ich arbeiten. Es geht deutlich aufwärts!
FSC Remscheid:
Was ist mit Figurenspringen?
Gerda Klostermann-Mace:
Das Figurenspringen ist eine aussterbende Disziplin – leider. Ich bedauere das sehr. Das Figurenspringen hängt seit inzwischen Jahrzehnten am Tropf militärischer Mannschaften, die sie noch am Leben erhalten. In Deutschland hat die letzte nationale Meisterschaft in dieser Disziplin 2012 stattgefunden. Die habe ich gewonnen, vor den Professionals. Wenn man so will, bin ich also noch immer Deutsche Meisterin im Figurenspringen. Die Zeiten, die ich geflogen bin, erfüllen mich wahrlich nicht mit Stolz, aber sie waren bei den Damen die besten auf nationaler Ebene.
FSC Remscheid:
Was ist Figurenspringen überhaupt?
Gerda Klostermann-Mace:

Mutter Gerda und Tochter Lucia gemeinsam im Februar diesen Jahres in einem Team beim Paraski im Unterammergau
Mutter Gerda und Tochter Lucia gemeinsam im Februar diesen Jahres in einem Team beim Paraski im Unterammergau

Es ist eine beinah vergessene Freifalldisziplin und gehört neben dem Zielspringen zu den sog. Klassischen Disziplinen. Beim Figurenspringen, auch Stilspringen genannt,  verlässt der Springer in 2200m das Flugzeug, nimmt  eine möglichst hohe Fallgeschwindigkeit auf um dann möglichst schnell und (wichtig!) möglichst exakt  Drehungen und Rückwärtssalti zu fliegen. Drehungen und Salti sind in den sog. 4 Stil- Programmen festgeschrieben, fixe Choreographie sozusagen, sehr rigid. Es geht um Geschwindigkeit und Exaktheit der Ausführung, die Kraft,  gute Koordination und Fitness erfordert. Für Beginner in dieser Disziplin wird die Frustrationsgrenze  sofort erfahrbar und  häufig als betoniert empfunden. Die Performance wird im Wettbewerb vom Boden mit hohem technischen Aufwand dokumentiert und gerichtet. Das alles zusammen sind heute nicht mehr so attraktive Bedingungen für junge Menschen, sich in dieser Fallschirmdisziplin zu üben.
Einen Eindruck der Klassischen Disziplinen  mag das Video auf youtube von Francois Martzolff „Demo Pá Voltige (Parachutisme)“ geben.
FSC Remscheid:
Nach diesem turbulenten Jahr für dich, gibt es Pläne für das Jahr 2016?
Gerda Klostermann-Mace:

Lucy Lippold im Endanflug 2014 Obertöblarn Austria
Lucy Lippold im Endanflug 2014 Obertöblarn Austria

Ja, wir haben uns viel vorgenommen:  Meine Tochter Lucia Lippold und ich werden in der kommenden Saison alle Ziel-Welt-Cup Etappen und  die Deutsche Meisterschaft im Zielspringen absolvieren. Das große Endziel wird die WM-Teilnahme in Chicago im September sein.
Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Neben dem üblichen körperlichen Training und „Spinatschieben“ werden wir viele Sprünge bereits vor Saisonbeginn machen. Es wird wahrscheinlich ein Trainingslager mit Giuseppe Trisoldi (vielfacher Weltmeister im Zielspringen) in Italien geben.  Der Bundestrainer Para-Ski Jürgen Barth wird uns die technische Bodenausrüstung (Zielmessanlage und Sprungmatte) zur Verfügung stellen. Unsere Sprungausrüstung, insbesondere die meiner Tochter, muss dringend optimiert werden. Die Finanzierung steht noch nicht, auch daran müssen wir arbeiten. Es gibt also noch einiges zu tun, aber da bin ich zuversichtlich. Wie heißt es so schön: Wo ein Wille, da auch ein Gebüsch! (lacht) Als ehemalige Bundestrainerin der Damennationalmannschaft (1984-88) habe ich auch in der organisatorischen Vorbereitung ausreichend Erfahrungen gesammelt, um auf einem internationalen Event der Kategorie I die  Deutschen Farben würdig vertreten zu können. Bis zur WM in Nyköping 1988 hatten die (west-) deutschen Damen immer die Schlusslaterne zu tragen, unter meiner Leitung schafften wir´s im Team aus dem Stand ins Mittelfeld, zwei der Damen kamen in der Einzelwertung unter die besten 10. Das konnte sich durchaus sehen lassen.
FSC Remscheid:
Kannst Du eine ungefähre Platzierungs-Prognose für die WM in Chicago angeben?
Gerda Klostermann-Mace:

Mutter und Tochter mal ganz Zivil in London im September
Mutter und Tochter mal ganz Zivil in London im September 2015

(lacht) Einen Teufel kann ich! Das kann niemand. Was ich allerdings weiß ist, dass Lucy sehr talentiert ist und auch die mentale Stärke hat, sich auf einem solchen Wettbewerb mit den Besten zu messen, sie gewann als newcomer 2013 die Deutsche Meisterschaft und Silber bei der EM. Wir werden uns 2016 ausschließlich auf das Zielspringen konzentrieren und kontinuierlich auf Verbesserung unserer Leistungen hinarbeiten, alle Register ziehen. Der Erfolg ist mit den Tüchtigen.
FSC Remscheid:
Dann wünschen wir euch viel Erfolg und drücken die Daumen. Glück ab!
Gerda Klostermann-Mace:
Das können wir gut gebrauchen! Vielen Dank und merci für das Gespräch. Es war mir eine Freude!
FSC Remscheid:
Das war es für mich auch, sowie auf den Fotos Eure zurückliegende Saison abbilden zu können. Vielen lieben Dank auch dafür!